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Inhaltsverzeichnis:
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Der Weg nach Innen ist nur der halbe Weg
Vom Mitgefühl zur befreienden Tat |
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Impulsvortrag am Jahrestreffen 2006 der LFB, 15. September 2006, Christoph Albrecht SJ Der Weg nach Innen ist nur der halbe Weg |
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Sieben Kennzeichen einer geerdeten Spiritualität 1. bedürftig Spiritualität nimmt, im Sinne des lateinischen Wortes spiritus, Bezug auf den Geist den Lebensatem, die Ruach, wie es die hebräische Bibel nennt, den Heiligen Geist, wie es die Christinnen und Christen sagen, den grossen Geist, wie in den indianischen Traditionen bekannt. Oder wir können an Gandhi denken, der sich mit satiagraha der Wahrheit verpflichtet wusste. Spiritualität ist deshalb eine Haltung, die weiss, dass es etwas in mir gibt, das mich übersteigt. Ich lebe auf etwas bezogen, das in mir wurzelt und in dem ich wurzle. Wer sich selbst beabsichtigt, verfehlt sich selbst. Nur in Bezug auf diese mich übersteigende Dimension kann ich meine Ganzheit finden. Ich kann sie zwar in meiner Innerlichkeit finden, doch sie ist mir auch innerlicher als ich mir selbst sein kann und übersteigt mich deshalb auch in meiner Intimität. Ich weiss mich bedürftig, angewiesen auf diesen Lebensatem, auf Gott. Diese Ausrichtung auf das göttliche in mir und mir gegenüber befreit mich vor einem Kreisen um mich selbst. Gegen die Harmoniezwänge unserer Zeit darf ich sagen, dass ich die Fülle des Lebens nicht aus mir selbst heraus produzieren kann. 2. geschenkt Geerdete Spiritualität erinnert an das, was weder zu kaufen noch zu leisten ist. Was ich vom göttlichen Geist empfange, ist geschenkt. Es ist die wunderbar befreiende Gewissheit: Ich bin angenommen ohne jede Vorleistung! Sie befreit mich von der verhängnisvollen Frage: „Wie erhalte ich einen gnädigen Gott?“ Denn ausgehend von dieser Frage, beginnt man sich an bestimmte religiöse Praktiken klammern, die sich bloss auf das eigene Heil, die eigene Rettung und Absicherung ausrichten. Dieser Perspektivenwechsel hat enorme Konsequenzen: Denn wenn ich der bedingungslosen Liebe Gottes traue und mich (wie Paulus in Gal 4,1-7 schreibt) als Erbe, bzw. Erbin Gottes erfahre, dann bin ich frei von aller Angst, Gott könnte mich verstossen; dann richte ich aus Liebe meine Aufmerksamkeit auf die grossen Fragen dieser Welt; dann kann ich die Sorge und Fürsorge Gottes für seine/ihre Schöpfung annehmen; dann richte ich meinen Blick mit den Augen Gottes auf diese gebrochene Welt und habe an seinem/ihrem gewaltfreien Wirken in der Schöpfung teil. 3. frei Spiritualität ist nicht nur unverdient frei sondern auch unkontrollierbar frei. Der Lebensatem ist unverfügbar und kann niemandem eingefordert werden. Kriterium einer gesunden Spiritualität ist eine wachsende innere Freiheit. Gruppen, in denen die innere Freiheit ihrer Mitglieder eingeschränkt wird oder verloren geht, müssen allein aus diesem Grund bereits als Sekten eingestuft werden. Die unverfügbare Freiheit der Spiritualität ist aber nicht eine Beliebigkeit, es ist eine verbindliche Freiheit, die sich dem Geheimnis des Lebens gegenüber verpflichtet weiss. 4. verbunden Geerdete Spiritualität ist verbindend. In einer gebrochenen Welt, kann sie sich nicht selbst genügen. Oder wie Jean-Baptist Metz formulierte: „Man kann Gott nicht mit dem Rücken zur Leidensgeschichte der Menschheit anbeten.“ Es ist eine Spiritualität der Verbundenheit mit allen Wesen. Weil alles aus der göttlichen Schöpfungsdynamik heraus entsteht, bin ich mit allem Verbunden. Einheitserfahrungen geschehen vor diesem Hintergrund. Was Andere an Frohem, Hellem, Lebendigem erleben, erfreut auch mich, was sie erleiden betrifft auch mich. Diese Verbindung ist der weite Horizont es Herzens. 5. hoffend Wer sich für die Schönheit der Schöpfung öffnet, kommt ins Staunen. Staunen macht sensibel. Lässt den tieferen Sinn der Dinge spüren und nimmt deshalb auch den Schmerz der geschändeten, entwürdigten Kreatur war. Doch in dieser Wahrnehmung lebt die Erinnerung an das Staunenswerte weiter. Geerdete Spiritualität ist gerade deshalb hoffend, weil sie die Beziehung zur göttlichen Fülle des Lebens mit der Verbundenheit zur leidenden Schöpfung verbindet. Sie nimmt die Situation an wie sie ist, aber sie nimmt sie niemals einfach hin. Hoffnungslosigkeit ist der Luxus der Reichen, wie Dorothee Sölle sagte. Die Armen, und diejenigen, die sich bedürftig wissen, können sich Hoffnungslosigkeit nicht leisten. Den Armen die Hoffnung zu nehmen bedeutete, ihnen auch noch den letzten Rest ihrer Würde zu nehmen. Doch von der Hoffnung der Armen kann ich lernen, an der Verheissung festzuhalten, dass diese ungerechte Welt überwunden wird. 6. versöhnungsbereit Geerdete Spiritualität lässt sich weder Feindbilder einreden, noch hält sie an Vorurteilen fest. Sie nimmt schwelende Konflikte nicht einfach hin, sie schweigt nicht einem oberflächlichen Frieden zuliebe. Sie akzeptiert auch keinen Frieden, der auf einer ungerechten Ordnung beruht. Im Bewusstsein, dass Gerechtigkeit die Basis eines jeden echten Friedens ist, achtet sie auf die nötigen Schritte eines Versöhnungsprozesses. Bei asymmetrischen Machtverhältnissen respektiert sie die Bedürfnisse nach Distanz und Schutz der Schwächeren. Aber sie ermutigt auch zum Dranbleiben, wenn die Situation verfahren scheint. 7. den Anfängergeist bewahrend Geerdete Spiritualität bleibt offen für Überraschungen. Sie kann sich auf Neues einlassen, ohne es in die eigenen schon bekannten Schemen einzuordnen. Sie achtet die Ideen und Urteile der einfachen Leute und respektiert ihre Erfahrungen und Hoffnungen. Sie weiss um ihre Grenzen und ist bereit, sich von Andern auf Dinge hinweisen zu lassen, die sie selbst übersehen hat. So kann sie auch über sich selbst lachen, denn sie pflegt einen Humor, der es nicht nötig hat, sich über die Anderen zu erheben. Der 7. Punkt schliesst an den 1. wieder an, denn diese 7 Kennzeichen sind nicht etwa Schritte auf einem Weg, sondern Punkte auf einem Kreis, der so etwas wie die Schwelle zwischen innen und aussen markiert. Diese Punkte mögen beachtet werden: auf dem Weg nach innen und auf dem Weg nach aussen. Sie scheinen mir wesentlich, aber ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. |
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Impuls-Vortrag, anlässlich der LFB-Tagung vom September 06: VOM MITGEFÜHL ZUR BEFREIENDEN TAT |
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| Im Zustand der Selbstbezogenheit, der Egozentrik und des Haben-wollens neigen wir dazu, Dinge, Informationen und Wissen anzuhäufen und zu umzäunen. Wir bauen Mauern, die uns abgrenzen und scheinbar schützen. Villen und Schlösser sind meistens von hohen Mauern umgeben. Viele Länder umzäunen sich, ummauern sich. „Die Schweiz ist ein Gefängnis“, sagte Dürrenmatt. Ja, aber nicht nur die Schweiz. Die Besitzenden sitzen in ihren selbst gebauten Ghettos Wir bauen auch Mauern um uns selbst. Wir sprechen von Charakterpanzer. Die Abgrenzungsbereiche überwachen wir mit Kameras. Wir bauen Kontrolltürme, Schranken materieller und nicht-materieller Art. Wie aussen, so auch innen und umgekehrt. Wenn wir anfangen auf unser Herz zu hören, zu beten und zu meditieren, beginnt früher oder später ein Aufweichungsprozess. Wir nehmen ein Gefühl des Schmelzens wahr, bei gleichzeitiger Ausweitung und Ausdehnung. Die Seele mag es nicht, eingesperrt zu sein. Vielleicht erleben wir, dass wir geliebt sind. Bedingungslos. Oder wir spüren eine all-gegenwärtige Anteilnahme und wir erkennen, dass wir gesehen, gehört und geachtet sind und dass Barmherzigkeit in allem wirkt, was ist. Im Gewahrsein des Mitgefühls, beginnt unsere Seele zu vibrieren. Wir fühlen uns dann bewegt, lebendig, im Fluss. Die Mauern fangen an zu bröckeln. Verbundenheit statt Abgrenzung: ein völlig neues Lebensgefühl erwacht. Wir erwachen. Mitgefühl und Liebe gipfelt in der Feindesliebe. Jetzt ist nichts mehr ausgeschlossen. Das macht am Anfang ein bisschen Angst. Dann bricht Freunde durch. Im Wirken von Jesus fand und findet eine Bewusstseins-Revolution statt, deren Auswirkungen wir heute bestenfalls erahnen. Generationen von Predigern haben versucht, das Salz aus der Suppe zu nehmen, den sozialen Sprengstoff zu bagatellisieren. Der reiche Jüngling ist noch heute völlig frustriert, wenn von ihm verlangt wird, den Reichtum wegzugeben. Es ist eben nicht Bravsein, das Jesus forderte, sondern Wandlung. Wer wirklich laut und deutlich Reichtum, extreme Ansammlung von Geld und Gut in Frage stellt, wird heute hart angefasst. Umverteilung wird nur so lange toleriert, wie die Forderung rhetorisch bleibt. Wer wirklich vom Mitgefühl erfasst ist, verlässt den goldenen Käfig, wie Buddha Siddharta. Er stellt sich dem Leiden, der Sterblichkeit, dem Schmerz. Wer um die Flut der Barmherzigkeit weiss, leuchtet auf; in ihm fliesst diese weiche Kraft der Befreiung, der keine Abgrenzungsmauern standhalten. Mitgefühl ist eine Kraft die befreit. Kein Panzer hält ihr stand und keine Sicherheits-Ideologie. Mitgefühl bricht unsere eigenes angst-gesteuertes Sicherheitsdenken auf. Die Hand folgt dem Herzen. Es gibt keine Trennung mehr dazwischen. - Liebendes nach innen gehen und liebendes nach aussen gehen sind zwei Seiten des Einen. Diese so weiche Kraft der Barmherzigkeit und des Mitgefühls hat eine revolutionäre und grenzensprengende Auswirkung. Der mitfühlende Mensch ist ein leidenschaftlicher Mensch. In ihm wirkt die Kraft des Feuers. Für unsere Welt ist er ein Verrückter. Sein Handeln hat sich vom Erfolg, vom Statusdenken und dem Zwang nach äusserer Anerkennung entkoppelt. Das ist Freiheit. Frei vom Erfolgsdenken . Innere Erfahrung drückt sich handelnd aus. Ganz natürlich, wie von selbst. Wie gesagt: die Hände folgen dem Herzen, die Taten der Liebe. Aus der Erfahrung des Geliebtseins ist der Liebende geworden. Er engagiert sich, weil sein Herz schlägt und nicht weil er etwas beweisen oder erzwingen wird. Die Hände des Mitfühlenden strahlen. Soziales und politisches Engagement sind eine natürliche Folge der sich ausweitenden Liebe, des sich dehnenden Herzens. Mitgefühl bringt einen tiefen Umwandlungsprozess in Gange. Im tätigen Mitgefühl wandeln wir uns nachhaltig. Mitgefühl bringt uns auf den Weg, bringt die Welt in Wandlung. Im Mitgefühl werden wir uns selbst. In Mitgefühl und in der Barmherzigkeit, erwachen wir zu uns selbst und im tätigen Mitgefühl fängt unser tiefstes Wesen an sich zu verwirklichen. In vielen Menschen gibt es allerdings ein Zögern, wenn es darum geht, tätig zu werden. Handelt es sich da um ein Misstrauen, gegenüber der eigenen Wirksamkeit und der eigenen Bedeutung? Ein Gefühl des Nicht-Genügens? Hören wir dazu den Franziskaner Richard Rohr: „Wir haben unser Zentrum ganz bewusst „Zentrum für Aktion und Kontemplation“ getauft und dabei die Aktion bewusst an den Anfang gestellt. Wir lernen und werden geheilt, indem wir uns engagieren. Doch das ist ein Glaubensakt. Das kann man niemandem beweisen. Selbstbezogene Menschen möchten das nicht glauben. Sie wollen immerfort in der eigenen Seele herumwühlen. Es ist sehr schwer, Leute über diese Grenzlinie zu kriegen. Ich erinnere mich an die erste Zeit von „New Jerusalem“ (spirituelles Zentrum). Das gab es viele Leute, die stark von der charismatischen Bewegung beeinflusst waren. Sie waren davon besessen geheilt zu werden und haben sich ständig geweigert für andere da zu sein, weil sie erst einmal selbst heil werden mussten. Wenn sie eines Tages geheilt sein würden, dann würden sie anderen helfen. Diese Leute sind bis heute immer noch nicht geheilt und warten immer noch darauf, geheilt zu werden. Ihr Narzissmus hält sie davon ab, jemals geheilt zu werden.“ 1) So wie Liebe, ist auch Friedensarbeit immer auch ein Tun. Thomas Merton: „Liebe ist ein Tun des sich-Auslieferns und ein intuitives Erkennen der Bedeutung dieses Tuns: ein intuitives Erkennen der reinen Freiheit, die über Leben und Tod hinausreicht, eine Freiheit, die nur erlangt wird durch völlige Hingabe inmitten von Widerspruch.“ 2) Hören wir dazu Ernesto Cardenal, der die Leidenschaftlichkeit des mitfühlenden Menschen, so wunderbar auszudrücken weiss: "Gott ist die Liebe. Und der Mensch ist auch die Liebe, weil er nach Seinem Bild und Gleichnis gemacht ist. Gott ist die Liebe. Und da Er ein unendlich einfaches Wesen ist, kann Er, wenn Er die Liebe ist, nichts anderes als die Liebe sein..... Die unverfälschte Substanz unseres Wesens ist Liebe. Wir sind ontologisch Liebe. Und auch Gott ist wie ein einziger Liebesschrei, eine unendliche Leidenschaft und ein unendlicher Durst nach Liebe. Unsere einzige Daseinsberechtigung ist diese Liebe.“ 3) Ich möchte abschliessend die Essenz meiner Ausführungen zusammenfassen: Wir Mensch sind ontologisch Liebe und verwirklichen uns dadurch, dass wir Mitgefühl und Hingabe entwickeln und ausdrücken. Mitgefühl, das in die Hand und in die Tat fliessen möchte. Mitgefühl hebt uns über unsere engen Grenzen der Angst und des Egos hinaus. Ohne Mitgefühl gibt es keine Erleuchtung. Im Mitgefühl schmilzt unser Ego langsam hinweg. Mitgefühl bewirkt persönliche und kollektive Befreiung von den Mauern der Egozentrik. In der engen Legierung von Wissen und Mitgefühl, werden auf unserer Erde die nötigen und nachhaltigen Wandlungsschritte geschehen können, die uns in eine friedvolle Welt führen können. Literatur 1) Richard Rohr: Von der Freiheit loszulassen. Claudius-Verlag. Zitat aus der Broschüre: „Bewusstseins-Entwicklung in holistischen Gemeinschaften und Netzwerken“ von Werner Binder. 2) Thomas Merton: Zitat aus dem Vorwort im „Buch von der Liebe“ von Ernesto Cardenal. 3) Ernesto Cardenal: Das Buch von der Liebe, S. 39, GTB 1993, |
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